Der aktuelle Umgang mit Schutzmaßnahmen an weiterführenden Schulen in NRW zum Schutz der Schülerinnen und Schüler sowie des pädagogischen Personals ist nicht mehr nachzuvollziehen. Die aktuelle Situation der zunehmenden Infektionszahlen war absehbar bzw. hätte zumindest einkalkuliert werden müssen bei den Vorbereitungen des aktuellen Schuljahres. Um den Unterricht nach regulärer Stundentafel zu ermöglichen, wurde beschlossen, dass in den meisten Fällen auf die Abstandsregeln im alltäglichen Unterrichtsgeschehen verzichtet werden kann und muss. Mund-Nasen-Schutz sowie Lüftungsregeln sollen ausreichen. Diese Regelung ist fahrlässig angesichts der steigenden Infektionszahlen und dem damit einhergehenden vermehrten Infektionsgeschehen in Schulen. Nichtsdestotrotz haben wir Lehrkräfte und unsere Schülerinnen und Schüler stets versucht, diese Regelungen konsequent umzusetzen und uns damit zu begnügen, auch wenn der Unmut in Kollegien und der Elternschaft wuchs. Die Quarantäne-Regeln waren zumindest an meiner Schule mit dem Aufkommen der ersten Infektionsfälle vor den Herbstferien nachvollziehbar und konnten umgesetzt werden. Nun haben wir nach vermehrten Fällen seit Ende der Herbstferien die Anweisung des Gesundheitsamtes, dass „nur“ noch die betroffenen Klassen in Quarantäne gehen, die unterrichtenden Lehrkräfte, die zu den Erstkontakten zählen, aber nicht mehr in Quarantäne geschickt werden und auch nicht mehr getestet werden. Es gibt lediglich die Empfehlung seitens des Gesundheitsamtes sich testen zu lassen. Aufgrund der Auslastung der Testteams, finden diese Testungen aber ein paar Tage verzögert statt. Dies bedeutet, dass möglicherweise infizierte Lehrkräfte weiter nach Plan in vollem Umfang in verschiedenen Klassen unterrichten müssen, bis sie, wenn überhaupt, ein Testergebnis vorliegen haben. Die Begründung lautet auch hier, dass Mund-Nasen-Schutz und Lüftungsregeln auch bei dauerhaftem Erstkontakt ausreichen. Damit wird nicht nur das komplette Kollegium einer Schule gefährdet (durch z.B. gemeinsame Lehrerzimmer, in denen der Abstand nicht eingehalten werden kann, stattfindende Konferenzen und Unterrichtsverpflichtungen etc.) und die betroffenen Lehrkräfte in eine furchtbare stigmatisierende Situation gebracht, sondern auch alle anderen Klassen und Kurse, die diese Lehrkräfte weiter unterrichten müssen, gefährdet. Die Maßnahmen werden scheinbar entsprechend dem Infektionsgeschehen außer Kraft gesetzt (z.B. Abstandsregeln und nun die Quarantäneregelungen), damit der Unterricht nach Regelstundenplan weiterlaufen kann. Es entsteht der Eindruck willkürlicher und sich widersprechender Anweisungen, die der aktuellen Situation nicht Rechnung tragen können und wie ein hilfloser Akt der Verzweiflung wirken, um den Regelunterricht so lange wie möglich fortführen zu können, bis der totale Schul-Lockdown nicht mehr abwendbar sein wird. Dies ist in keiner Weise zielführend, da nach diesem Modell auf langfristige Sicht das Recht auf Bildung eben nicht dauerhaft erfüllt werden kann. Eine vernünftig ausgeplante Alternative in Form des Solinger Hybridmodells wird heute schlicht als Alleingang verboten statt dem dort extrem hohen Infektionsgeschehen Rechnung zu tragen und Schulen fürsorglich und weitsichtig durch die Pandemie zu führen. Mit dem aktuellen Kurs werden die Augen vor der Realität und den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften verschlossen und man hat die Zeit, die sinnvoll für Alternativplanungen an Schulen bei höherem Infektionsaufkommen hätte genutzt werden können, mit business as usual verstreichen lassen. Nun gibt es keine personellen Ressourcen zur Stundenplanumgestaltung mehr. Es gibt keinen Handlungsspielraum an Schulen auf die individuelle Infektionslage einzugehen und es gibt verunsicherte Elternhäuser, verunsicherte und im Stich gelassene Lehrkräfte, die bald nicht mehr bereit sein werden, sich über das Maß zu engagieren, was zur Bewältigung dieser Krise eine Notwendigkeit darstellt. Die jetzige Devise: Augen zu und durch wird nur mit viel Glück und wenig Verstand zu halten sein.

Eine Betroffene

Finde deinen Weg…

„Ich will raus aus dem Lehrerberuf!“

„Aber was ist, wenn mein neuer Job mich genauso frustriert?“

„Was, wenn Arbeit einfach nicht zufriedener macht, egal welche es ist?“

„Habe ich dann etwas verloren, wenn ich das Lehramt und die Verbeamtung aufgebe? Es für etwas eingetauscht, was auch nicht besser ist?“

Solche Gedanken kenne ich gut. Sie kreis(t)en auch seit Jahren in meinem Kopf. Häufiger – schon während und vor dem Referendariat – habe ich Alternativen gesucht oder ausprobiert, wenn ich daran zweifelte, ob das der richtige Weg für mich ist.

Was ich daraus gelernt habe, ist:

  • Die anderen sehen dich immer so, wie du dich im Leben präsentierst und zwar egal, wie gut sie dich kennen. Wenn du Lehrer bist, sehen sie dich in erster Linie als Lehrer und werden sagen, aber du bist doch ein Lehrertyp, du machst das doch gut! Wieso also alles aufgeben, weil es mal gerade schlecht läuft. Reduziere doch die Arbeitszeit und mache Dienst nach Vorschrift (was auch immer das heißt…machen wir doch so oder so…). Wechselst du den Beruf und bist Künstler, werden sie nach einiger Zeit sagen, aber du bist doch Künstler. Du wirst dich niemals wohl fühlen in einem anderen Job oder einem Beamtenjob. Es ist egal, was andere darüber denken, sie sehen oft nur einen bestimmten Teil von dir und wissen nicht, wie es in dir wirklich aussieht. Du bist also die einzige Person, die herausfinden kann, womit sie wann und wie glücklich ist.
  • Es kann sein, dass ein Weg, den du dir als Alternative aussuchst, auch nicht ewig passt. Aber was macht das schon? Geht es darum, den einen Job für immer zu finden? Solange du zufrieden bist und dich versorgen kannst, ist doch alles richtig, oder? Passt der neue Weg nicht, änderst du deinen Plan eben wieder. Dadurch verlierst du nichts, sondern gewinnst. An Erfahrung. An Selbstbestimmung. An Zufriedenheit.
  • Es liegt einzig in deiner Verantwortung, der Tätigkeit nachzugehen, die dich zufriedener macht. Und wenn sie dich nicht krank macht, ist das in meinem Fall schon ein Fortschritt! Niemand anderes findet deinen neuen Beruf. Das musst du selbst tun und wenn du es nicht weißt, dann probiere es einfach aus. Das wird dich in jedem Fall glücklicher machen, als bei dem zu bleiben, was du kennst und was dich unglücklich macht.
  • Viele Menschen neigen immer noch dazu, den/die richtigen Partner, den richtigen Job, den richtigen Wohnort zu suchen, um dort zu bleiben und immer glücklich zu sein. Manchmal passiert Leben aber nicht so. Und es ist ok. Es ist in Ordnung, wenn der Partner nicht der oder diejenige fürs ganze Leben war. Dann war es eben gut für einen besonderen Zeitraum. Es ist in Ordnung, wenn der Job irgendwann nicht mehr passt, dann tut es vielleicht ein neuer. Es ist in Ordnung, wenn der Ort nicht mehr zu Hause ist. Dann erschaffe dir ein neues zu Hause, in dem du glücklicher bist. Das soll nicht heißen, dass wir wie herumirrende Nomaden alles impulsiv verwerfen, was nicht direkt unsere Bedürfnisse erfüllt. Aber es ist eben auch nicht so, dass alles für ewig und immer so bleiben muss, wenn es unglücklich macht. Und es ist nicht gut, zu denken, du hättest dann automatisch versagt. Für mich gab es gute Gründe und eine hohe Motivation, den Lehrerberuf zu ergreifen. Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt, aber eben auch festgestellt, dass der Beruf nun nicht mehr zu mir passt.

Welchen Wert hat es dann, darin zu bleiben? Wer hat dann etwas davon?

Ich habe nichts davon, da ich nur unglücklicher werde und dieser Zustand meine Gesundheit belastet. Meine Schüler haben nichts davon, da sie spüren, dass es mir nicht gut geht. Meine Schule hat nichts davon, da ich auf Dauer nicht produktiv und verlässlich arbeiten kann. Meine Familie hat nichts davon, da das gemeinsame Leben durch meine Situation emotional belastet ist und „schwerer“ wird.

Es liegt in meiner Verantwortung, herauszufinden, was mir gut tut. Auch im Job. Es liegt in meiner Verantwortung, dazu zu stehen, wenn ich mich in einer (beruflichen) Situation dauerhaft unwohl fühle. Niemand wird kommen und mich daraus holen. Das muss ich selbst tun. Niemand wird sagen, dieser beruf ist doch jetzt perfekt für dich. hier ist dein Traumjob. Den muss ich selbst (er-)finden.

Ich habe nur dieses eine Leben und ich möchte nicht in 10, in 20 oder in 30 Jahren zurückblicken und sagen: „Meine Familie war toll, schade nur, dass ich die Zeit mit ihr nicht genießen konnte, weil ich so unglücklich war. Schade nur, dass ich den Großteil meiner Zeit mit Dingen verbracht habe, die mir geschadet haben.“ Ich blicke lieber zurück und erzähle davon, wie ich unterschiedliche Dinge ausprobiert habe, was ich erlebt habe, was mich glücklich, was mich unglücklich gemacht hat und wie ich es geschafft habe, mehr von dem in meinem Leben zu haben, dass mich glücklich macht und bei dem ich mich glücklich fühle.

In diesem Sinne und mit positiven Nachrichten möchte ich diesen Beitrag beenden: Ich habe es geschafft, wider Erwarten, meine Vorstellungsgespräche in einen Zeitraum verlegt zu bekommen, an dem ich teilnehmen kann, und habe mit meiner Schulleitung offen über mein Befinden und meinen Aufstiegswunsch gesprochen. Damit habe ich in dieser Woche viel für mich erreicht und fühle mich großartig!

Herzlichst

Lehrtrauma

Frohes neues Jahr 2020!

Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr! Anders als in den letzten Jahren habe ich mir für dieses Jahr keine guten Vorsätze gesetzt. Ich habe nur ein einziges wichtiges Ziel: Meinen Ausstieg aus dem Lehrerdasein! Alles andere ergibt sich dann hoffentlich von selbst 🙂

Ende des letzten Jahres ging es mir nicht gut. Meine Familie und ich waren alle dicke von der Erkältungswelle erfasst. Bei mir kamen zusätzlich schlechte Stimmung und Sorgen wegen meiner beruflichen Situation hinzu. So nutzte ich die Weihnachtsferien dazu, einmal komplett abzuschalten und weder über die Schule noch über neue Jobs nachzudenken. Das tat gut und ich fühle mich erholt. Leider sind zwei Wochen dann aber doch schnell vorbei und der Alltag wird mich schneller einholen als mir lieb ist. Das weiß ich mittlerweile aus Erfahrung.

Immer wenn ich ein bisschen Abstand zum Schulalltag bekomme, beginne ich darüber nachzudenken, ob es nicht doch einen Weg gibt, sich mit dem Beruf zu arrangieren… Da drehe ich mich in immer denselben zermürbenden Kreisen. Ich habe dann jedes Mal ein paar neue Ideen, wie ich dem Alltag mit dem nächsten Unterrichtsabschnitt begegne, z.B. durch effizientere Vor- und Nachbereitung, komplette Arbeitszeit an der Schule nutzen, nichts mehr zu Hause vor- oder nachbereiten, auf eine Beförderung oder Abordnung hinarbeiten, die die tatsächliche Unterrichtsstundenzahl verringert oder mir einen zweiten Arbeitsplatz bietet….

Dieses hin und her habe ich jetzt schon einige Male hinter mir und ich lande stets nach ein paar Monaten in demselben frustrierendem Loch… muss für mich wiedermal erkennen, dass diese Pläne und Vorsätze nicht halten, was ich mir von ihnen versprach, dass sie an der Hektik, der Belastung durch den Alltag, dem Tempo und meinem Unwohlsein in jeglichen Rollen des Lehrerdaseins scheitern.

Ich kann mich noch so effizient und toll vorbereiten, schöne Unterrichtsstunden halten oder alle Arbeit ins Schulgebäude verbannen – die Zeit während meiner Arbeit, die Belastung während eines Schulalltages allein durch den ständigen Lärmpegel aller Anwesenden, die Fremdbestimmtheit im Großteil meines Arbeitstages kann ich damit nicht verändern. Und das sind die Dinge, die es mir unerträglich machen dauerhaft gesund im System zu bleiben.

Daher steht mein Entschluss fest, auch wenn ich ihn manchmal sogar vor mir selber rechtfertigen muss!

Die schöne Nachricht ist: Zum Ende des Jahres haben sich tatsächlich meine Wünsche in Sachen Bewerbung erfüllt (s. Post vom letzten Jahr): Ich habe gleich drei Einladungen zu Vorstellungsgesprächen!!!

Alle in ganz unterschiedlichen Bereichen, aber hier kommt auch direkt das nächste Problem! Ich konnte die ursprünglich vorgeschlagenen Termine aufgrund meiner Unterrichtsverpflichtung nicht annehmen. Schule ist eben extrem unflexibel und ich kann nicht einfach einen Tag Urlaub nehmen, um zum Vorstellungsgespräch zu gehen. Also bat ich um Alternativtermine. In der freien Wirtschaft kein Problem! Im öffentlichen Dienst sieht das leider anders aus. Nun rattert es in meinem Kopf, wie ich diese Situation lösen kann, da auch die angebotenen Alternativtermine immer in meiner Unterrichtszeit liegen…

Meine Idee ist nun ganz offensiv und ehrlich damit gegenüber meiner Schulleitung umzugehen. Ich werde nach unbezahltem Sonderurlaub oder der Möglichkeit fragen, mich an diesem Tag durch KollegInnen vertreten zu lassen. Das bedeutet natürlich, dass ich nun vor meinem offiziellem Entlassungsgesuch mit meiner SL über meinen Wunsch sprechen muss, die Schule zu verlassen. Das wird sicher nicht gut ankommen und davor habe ich schon etwas Bammel. Aber ich muss es wenigstens versuchen, sonst verbaue ich mir noch meinen Weg hinaus!!

Wünsch mir Glück für die anstehenden Gespräche!

Herzlichst

Lehrtrauma

In der Warteschleife…

Im Moment schleife ich so durch den Alltag, mehr oder weniger missmutig und erschöpft… kein schöner Zustand, aber ich habe erhebliche Schwierigkeiten, mich zu motivieren und fokussiert zu bleiben. Ich warte auf eine Rückmeldung bezüglich des Auswahlverfahrens, an dem ich vor ein paar Wochen teilnahm und das Warten ist zäh… Danach würde eh noch eine weitere Vorstellungsrunde folgen, aber ich wünschte, ich wüsste schon etwas, damit ich die letzten Wochen des Jahres mit einem Licht am Horizont durchstehen könnte…

Stattdessen schleppe ich mich unmotiviert und dauererkältet durch den Alltag. Ich vergesse Kleinigkeiten des Schulalltags, was mir zwar peinlich ist, aber ich stelle auch fest, dass es tatsächlich niemanden kümmert…

Leider habe ich von einigen anderen Bewerbungen nur Absagen erhalten, was mir jedes Mal einen Stich versetzt, trotzdem versuche ich, optimistisch zu bleiben, da ich für die Stelle, die mir so richtig am Herzen liegt, ja noch im Rennen bin, und eh nicht damit gerechnet habe, mit den ersten 20 Bewerbungen erfolgreich durchzustarten.

In sämtlichen (Berufs-)Beratungen hat man mir geraten, mich als geisteswissenschaftliche Lehrkraft nicht nur initiativ bewerben zu müssen, sondern mir auch eine Stelle „schreiben“ oder „entwerfen“ zu müssen, soll heißen: Ich muss die Unternehmen nicht nur davon überzeugen, dass ich einen Mehrwert mit meiner Arbeitskraft und Person einbringen kann, sondern auch am besten gleich die perfekte und fehlende Stelle mit dazu erfinden. Leider habe ich da noch nicht die richtige Strategie für gefunden…

Ich durchforste also weiter Stellen beim öffentlichen Dienst, die nicht nur zu mir passen würden, sondern auch geöffnet für meine Qualifikationen sind. Einmühseliges Unterfangen, denn ein Umzug käme für uns nur infrage, wenn es sich auch finanziell lohnen würde. Uns würde dann nämlich erstmal das Gehalt meines Partners fehlen… Zwischendurch schaue ich auch in der freien Wirtschaft, komme mir aber ein wenig vor, wie ein einsames Schaf unter Wölfen… Hier muss ich definitiv noch an meiner Einstellung und Überzeugungskraft arbeiten…

Außerdem überlege ich, welche Fortbildungen ich machen könnte, die meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen würden: Projektmanagement? Personalwesen? Coding? Eine weitere Fremdsprache? Auf alles hätte ich Lust, aber momentan fällt es mir noch schwer, hierfür Zeit und Geld aufzubringen. Somit zunächst vertagt auf Januar 2020, mit Ausnahme des Codens, da es hierfür kostenlose Online-Kurse gibt.

In meinem Kopf schwirrt auch die Möglichkeit der Selbstständigkeit herum… mein Problem ist dabei, dass ich nicht die eine tragbare Idee habe, sondern mehrere kleine, die erstmal nichts miteinander zu tun haben. Und daraus ein tragfähiges Konstrukt zu machen, erscheint mit doch recht verträumt… Aber eine Idee davon eignet sich zumindest dazu, sie neben der Schule schon aufzubauen und damit eventuell einen kleinen Nebenverdienst zu erwirtschaften…

Ich gebe auch zu, trotz aller Ideen und der riesengroßen Motivation, das System Schule für immer zu verlassen, fühle ich im Moment zuallererst immer nur Erschöpfung und Mutlosigkeit. Meine Kinder fordern mich in der Haupterkältungs- und Magen-Darm-Saison extrem und ich selber fühle mich dauerkrank. Da noch Optimismus, Aktionismus und Durchhaltevermögen für den neuen Lebensweg aufzubringen, fällt mir an manchen Tagen extrem schwer.

Ich durchforste also mehrmals täglich meine Emails in der Hoffnung auf eine positive Nachricht in Sachen Wunschstelle… vor Ende Jahresende wäre ein positives Feedback definitiv ein Weihnachtswunsch, der in Erfüllung ginge…und die wichtigste Botschaft an mich selbst für heute: Noch drei Wochen bis zu den Weihnachtsferien in NRW!!!

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold…?

Wann ist der (richtige) Zeitpunkt gekommen, meinen Entlassungswunsch der Schulleitung mitzuteilen?

Ist es besser, es für sich zu behalten, bis man genau weiß, wann und wie der Plan für danach aussieht?

Oder hilft vielleicht der Austausch im Kollegium, ein offenes Gespräch mit der Schulleitung, um den Weg bis zur letzten Schulstunde zu entlasten?

Oder um nicht für diverse Aufgaben eingeteilt zu werden, für die ich nun erst recht keine Motivation mehr habe?

Mir hat es gut getan, mich vor ein paar Wochen definitiv für die Entlassung zu entscheiden. Ich habe es mir auch schriftlich festgehalten. Demnächst werde ich das formlose Entlassungsschreiben auch schon als Word-Datei anlegen. Denn das hilft mir, einen klaren Kopf zu behalten. Dadurch fühle ich mich wieder etwas authentischer mir selbst gegenüber und hoffe, dass ich so meinen Zweifeln und Sorgen, die zwischendurch immer wieder auftauchen, entschlossener entgegentreten kann.

Ich weiß, dass es die richtige Entscheidung für mich ist, mich entlassen zu lassen, aber manchmal bin ich hart mit mir selbst und denke, dass ich mich doch einfach irgendwie durch den Alltag kämpfen kann. Mit Dienst nach Vorschrift, wenn ich keine Lust habe, und mit Auszeiten, wenn es mir besonders schlecht geht…

Aber das sind meine Ängste und Selbstzweifel, die mich im System halten wollen. Ich weiß längst, dass es nicht gesund für mich ist, weiter Lehrkraft im System Schule zu sein. Trotzdem erwische ich mich zwischendurch dabei, an mir zu zweifeln…

Meine Entscheidung gibt mir an manchen Tagen aber auch extrem viel Aufwind und Kraft, etwas zu verändern. Dann kann ich es kaum abwarten, meiner Schulleitung mitzuteilen, dass ich nicht mehr lange bleiben will. Es fühlt sich für mich furchtbar an, diesem Drang zu widerstehen. Ich denke dann, wie heuchlerisch ich doch im Lehrerzimmer unterwegs bin und dass ich am liebsten diversen KollegInnen ins Gesicht sagen würde, wie ätzend und kräftezehrend doch der Alltag ist. Tage, an denen ich am liebsten direkt raus spazieren würde, nachdem ich meinen Schlüssel einfach so für immer abgegeben habe.

Ich habe das Bedürfnis mich mitzuteilen, mich zu öffnen und zu berichten, wie es mir geht und warum es mir schlecht geht. Wie ich mich trotzdem halbwegs optimistisch auf den Weg mache, meine Situation in die Hand zu nehmen und Verantwortung für mich und meine Gesundheit zu übernehmen. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich ja auch diesen Blog…

In der Realität habe ich noch nicht mit meiner Schulleitung gesprochen und auch noch nicht offen mit den KollegInnen. Ich habe auch keine Lust auf die Ängste und Sorgen anderer Lehrkräfte als Antwort auf meinen Entschluss. Ich befürchte Nachteile für mich in der jetzigen Situation, obwohl ich diese gar nicht richtig benennen kann.

Wenn ich allerdings den ganzen Prozess professionell betrachte, vom ersten Unwohlsein bis zum Hier und Jetzt und dem Entschluss zu gehen, dann denke ich, es sollte eigentlich das Selbstverständlichste zwischen Dienstherr, Schulleitung und Lehrkraft sein, sich über Missstände und berufsbedingtes Unwohlsein auszutauschen, sich Hilfe zu holen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Es gibt inzwischen Strukturen, die dies unterstützen, z.B. Lehrercoachings im System, natürlich die Gewerkschaft, Personalrat etc.. Und auch meine Schulleitung schätze ich eigentlich recht fürsorglich ein, trotzdem wage ich den Schritt, mich mitzuteilen tatsächlich wohl erst, wenn ich alles andere beschlossen und organisiert habe.

Bin ich feige? Male ich mir alles im Kopf schlimmer aus, als es ist?

Letzteres wahrscheinlich, aber ich habe auch das Recht, diesen Weg raus aus dem System in meinem Tempo und nach meiner Auffassung zu gestalten. Ich will mich damit wohlfühlen, denn die Entscheidung hat Jahre gebraucht und ist mir schwer genug gefallen. Und ich kämpfe mich nun jeden Tag durch mein wahrscheinlich und hoffentlich letztes Schuljahr, das allein kostet mich so gut wie meine ganze Kraft.

Ich werde wohl im Lehrerzimmer noch eine Weile schweigen, bis ich tatsächlich meine Alternativen konkretisiert habe…

Bis dahin wünsche ich dir, falls du dich auch auf den Weg machst oder darüber nachdenkst, Schule zu verlassen, dass du dir selbst treu bleiben kannst, an dich glaubst und dir auf deinem Weg zur Seite stehst, statt dich anzuzweifeln und härter mit dir ins Gericht zu gehen, als jeder Außenstehende es je tun würde.

Herzlichst

Lehrtrauma

Der Montag naht…

Morgen ist es Montag und bereits der Sonntag trägt einen deutlichen Schatten… Das ist bei mir in den letzten Jahren tatsächlich mehr und mehr zur „Normalität“ geworden. Manchmal ist sogar schon der Samstag betroffen und in den Ferien sind es stets mindestens die letzten beiden Tage, die von diesem klammen und fiesen Gefühl vereinnahmt werden.

Das ist eine Mischung aus Abneigung gegen das, was da am Montag wieder lauert, Hilflosigkeit und Reue. Gleichzeitig mischt sich dazu noch das Gefühl, schlecht vorbereitet zu sein und diesem Hamsterrad vollkommen ausgeliefert zu sein. Mein Körper ahnt den Stress, der auf ihn zukommen wird, und bereitet sich mit mehr oder weniger starken Magenschmerzen und Schweißattacken darauf vor. Meine Laune ist im Keller und egal, was ich an Ablenkung probiere, es gelingt mir kaum oder nicht, diese zu genießen.

Zu meinem bitteren Erstaunen muss ich feststellen, dass meine Familie und ich uns schon so sehr daran gewöhnt haben, dass außer meiner inneren Stimme, sich schon keiner mehr dagegen auflehnt…

Wie gehe ich mit diesen Tagen um?

Tja, zuerst versuchte ich natürlich, an mir zu arbeiten: Bessere und frühere Vorbereitung, damit ich am Sonntag nicht an die Schule denken muss.

  • Das führte leider nur dazu, dass ich mich am Wochenende nicht ausreichend erholte, da ich Freitag Abend und Samstag morgen an den nötigen Unterrichtsvorbereitungen saß. Oder ich verbrachte den Großteil der Ferien mit Unterrichtsvorbereitungen…Schließlich brachte mir diese Strategie noch mehr schlechte Laune und mehr gesundheitliche Einbußen.

Ich probierte es mit meinem Mindset: Meditation, viel Sport zur Ausgeglichenheit und den Fokus auf das Positive lenken.

  • Meditation und Sport helfen mir tatsächlich, aber durch meine kleinen Kinder und zunehmende Schulveranstaltungen außerhalb der Unterrichtszeit, bleibt mir in manchen Wochen nicht ausreichend Zeit dazu übrig, was mich mittlerweile wiederum doppelt frustriert.
  • Den Fokus auf das Positive lenken ist generell sicher eine gute Strategie und ich probiere es nach wie vor. Im Hinblick auf das Thema Schule empfinde ich mich aber zunehmend mir selbst gegenüber wie eine Heuchlerin… Als würde ich versuchen, so zu tun, einen Schuh zu tragen, der aber doch nie passen wird…

Natürlich ist es gefährlich, genau die Freizeitaktivitäten zu kürzen, die einem gut tun in stressbehafteten Zeiten, aber was, wenn es mal nicht anders geht? Dann hilft mir das Wissen darum auch nicht. Hier hilft mir lediglich die Aussicht darauf, dass meine eigenen Kinder in ein paar Jahren öfter allein klarkommen.

Meine Entscheidung, die Schule früher oder später endgültig zu verlassen, hebt die Laune sehr, aber bis dahin bin ich trotzdem mit meinen Verantwortlichkeiten in der Schule konfrontiert und muss wohl damit leben, das eine Menge Sonntage wie gewohnt ins Land ziehen werden…

Außerdem versuche ich, dieses fiese Gefühl inzwischen positiv zu sehen. Es zeigt mir so sicher wie ein Kompass, in welche Richtung ich gehen sollte: Definitiv endgültig raus aus der Schule!

Herzlichst

Lehrtrauma

Ich mache mich auf den Weg…

Vor ein paar Tagen nahm ich an einem schriftlichen Auswahlverfahren für eine Stelle teil, die mein Weg aus dem Lehrerdasein sein könnte.

Das allein ist schon ein sehr aufregender Gedanke für mich. Das, was vor Monaten oder wenigen Jahren undenkbar für mich schien, nun endlich in die Tat umzusetzen! Ich habe in meiner Lehrerkarriere schon öfter den Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr weitermachen wollte – an dem ich mich einfach nicht mehr jeden Tag überwinden wollte, meinem Beruf nachzugehen.

Bereits im Studium zweifelte ich an meiner Berufswahl und pausierte auch für ein paar Semester, in denen ich einer anderen Arbeit nachging. Vor dem Referendariat zweifelte ich, währenddessen hätte ich ein paar Mal wirklich fast abgebrochen und hinterher war ich mir auch nicht sicher…Aber stets hielt mich mein eigenes Gedankenkonstrukt jedes Mal davon ab:

  • Es gibt keine Alternative für mich
  • andere Berufe werden mir genauso wenig gefallen, im Lehrerberuf verdiene ich wenigstens ganz gut und habe einmal im Jahr mit den Sommerferien eine längere Auszeit
  • es wird doch bestimmt leichter mit der Zeit, oder?
  • ich habe hervorragende Noten, ich bin also scheinbar die einzige, die denkt, dass dieser Beruf nicht zu mir passt
  • ich habe eine gute Beziehung zu den SuS, wieso fühle ich mich dann nicht wohl, wenn ich mit ihnen arbeite?
  • es ist nur Arbeit, die macht eben nicht immer Spaß
  • ich habe mich lange genug ausprobiert, nun ist es Zeit erwachsen zu werden
  • ich muss meine Familie ernähren und trage Verantwortung, da spielen eigene Träume erstmal eine untergeordnete Rolle, bis ich wirklich weiß, was ich will und bis ich es mir leisten kann
  • was will ich eigentlich?

In den letzten Wochen habe ich erkannt, was mir wirklich passiert ist. Nicht die äußeren Umstände hielten mich davon ab, auf mich zu hören, sondern meine eigene Gedankenwelt, die ich mir so unflexibel und streng eingerichtet hatte, dass ich nicht mehr sah, was wirklich wichtig ist – für mich und für meine Liebsten, für die es unerträglich sein musste, mitzuerleben, wie hart ich mit mir selbst umging. So ein Vorbild will ich auf keinen Fall mehr für meine Kinder sein!!

Ich konnte nicht gehen, weil… ist einfach falsch!

Ich wollte nicht gehen, weil… – ja, weil ich es mir selbst nicht erlaubt habe. In meiner Kindheit war mein Vater der Ernährer der Familie und meine Mutter Hausfrau, die sich um mich und mehrere Geschwister kümmerte. Mein Vater war meistens abwesend, da er viel arbeitete. Er hatte sich seinen Beruf hart erarbeitet durch ein an der Abendschule nachgeholtes Abitur und ein durch meine Mutter mitfinanziertes Studium. Von seinem Gehalt konnten wir sehr gut leben und er sorgte auch gut für uns vor, so dass wir nach seinem Tod alle abgesichert waren.

Was ich in dieser Zeit lernte, war, dass Arbeit ein notwendiges Übel ist, dass sie einen quält, aber man sich dem eben fügen muss, weil man Verantwortung trägt – denn mein Vater ging nicht gern zur Arbeit, aber extrem pflichtbewusst. Ihn quälte sein Beruf und er war in seiner wenigen Freizeit oft sehr unausgeglichen. Nach etlichen Jahren kamen dann die typischen körperlichen Überlastungssignale (z.B. vom Reizdarm zu chronischen Magen-/Darm-Schwierigkeiten…). Diese Verhaltensweisen habe ich komplett übernommen, obwohl ich schon als Kind merkte, dass das kein erfülltes Leben ist.

Nach dem Abitur rebellierte ich auf meine Art und versuchte, meine beruflichen Wünsche im künstlerischen Bereich zu verwirklichen. Das gelang mir auch erfolgreich für ein paar Jahre. Als es finanziell immer schwieriger wurde, hatte ich das Gefühl, ich müsste nun endlich erwachsen werden. Und im Rückblick ist es fast so, als hätte ich mich bestraft, indem ich genau den Beruf wählte, vor dem ich immer weggerannt bin… Ich konnte meine beruflichen Visionen nicht langfristig etablieren und wählte genau das, was mir am meisten Magenschmerzen verursachte…

Seitdem zog ich Studium, Referendariat und Junglehrerzeit konsequent und nach außen hin erfolgreich durch, in der Hoffnung, dass ich endlich erwachsen werden würde und meine Einstellungen ändern oder vielleicht anpassen könnte.

Was für ein Holzweg! Wie wenig Wertschätzung ich mir selbst gegenüber gebracht habe! Allein das erkannt zu haben, gibt mir nun soviel Energie und Aufwind, dass ich mich jetzt wirklich auf den Weg machen kann!

Inzwischen will ich überhaupt nicht mehr erwachsen werden, sondern mir meine Lebenszeit so erfüllend wie möglich gestalten. Ich will mich nicht quälen und ich will für mich sinnvolle Dinge tun! Ich will einer Arbeit nachgehen, bei der ich mich grundsätzlich wohlfühlen, in einem Umfeld, dass mir behagt, denn es wird eben nicht leichter mit der Zeit, sondern nur stumpfer und frustrierender! Und nein, ich habe kein finanzielles Polster, das es mir erlaubt, einfach meinen Träumen nachzugehen, bis ich weiß, was ich denn nun möchte. Aber ich habe ein paar Alternativen gefunden, für die es sich lohnt, den Lehrerberuf zu verlassen und die mich in eine fröhlichere Zukunft sehen lassen.

Welche Alternativen das sind und was daraus wird, werde ich hier demnächst berichten.

Auf jeden Fall lief das Auswahlverfahren meinem Gefühl nach sehr gut und ich hoffe auf eine Einladung zur nächsten Runde!

Herzlichst

Lehrtrauma

Auf zu neuen Ufern – Im Tal des Zwielichts

Diese Woche habe ich eine Einladung zu einem schriftlichen Auswahlverfahren. Glücklicherweise fällt der Termin in einen Zeitraum außerhalb meiner Stundenplantermine. Das macht mir die Organisation extrem leicht und ich muss keinen unbezahlten Sonderurlaub nehmen oder ähnliches, um daran teilnehmen zu können. Ich kann also erstmal ganz heimlich daran teilnehmen und sehen, ob ich weiterkomme.

Ich freue mich sehr, dass ich die Einladung bekommen habe, denn meine meisten Bewerbungen bisher haben keine oder negative Resonanz gehabt. Es handelt sich um eine Stelle im öffentlichen Dienst, aber mit ganz anderem Tätigkeitsschwerpunkt als der Lehrerberuf. Ich bin aufgeregt, fühle mich schlecht vorbereitet, da ich neben der Unterrichtsverpflichtung und meinen familiären Aufgaben so gut wie keine Zeit finde, mich anständig darauf vorzubereiten.

Gleichzeitig zermürben mich Gedanken und Selbstzweifel. Zu sehr habe ich all diese „Scheinargumente“ für den Lehrerberuf seit Jahren verinnerlicht:

  • Der Beruf bietet so viel Sicherheit!
  • Du wirst anständig bezahlt, mach‘ halt Teilzeit, dann hast du weniger Stress.
  • Mit den Jahren wird es besser.
  • Du musst deine Arbeitshaltung und -Abläufe optimieren: Bereite in den Ferien alles vor, dann hast du unter der Schulwoche weniger zu tun und kannst echten Feierabend machen…
  • Andere Berufe sind genau so stressig…
  • Du kannst doch nichts anderes…

Immer wieder kreisen diese Dinge in meinem Kopf herum, dabei weiß ich ganz genau:

  • Andere Berufe können genauso sicher sein und Sicherheit braucht eigentlich nur der Ängstliche (dazu kann ich dir den folgenden Artikel von Victoria empfehlen: https://www.victoriaghorbani.de/blog/sicherheit/)
  • Auch andere Berufe werden (gut) bezahlt. Prüfe, was du brauchst und möchtest und baue dir eine alternative Karriere auf. Du hast schließlich gar nichts von dem Geld, wenn es dir dauerhaft schlecht geht. Da hilft auch eine Teilzeitbeschäftigung wenig, wenn deine schlechte Laune alles überschattet und der nächste Montag lauert.
  • Mit den Jahren wird es nicht besser, sondern frustrierender und jeder Moment, indem du gezweifelt hast und dich wieder einmal zusammengerissen hast, ist rückblickend eine verlorene Chance, die du bereuen wirst.
  • Ein typischer Lehrergedanke: Da ich die systematischen Umstände schwer beeinflussen kann, versuche ich ständig an mir herumzuperfektionalisieren… natürlich vergeblich, alle Effizienz bringt nichts, wenn der Alltag im System gleich bleibt.
  • Ja, Stress gibt es überall, aber wenn du etwas gerne tust, gelingt es dir viel leichter als wenn du etwas widerstrebend tust. So kann eine ungeliebte Unterrichtsstunde oder Vorbereitung am Tag so unglaublich viel anstrengender sein als ein Tag im Gemüsebeet oder auf der Renovierungsbaustelle zu Hause. Sobald du etwas gern tust oder es für dich Sinn ergibt, fällt die Arbeit leicht und sie belastet dich auch nicht mehr in der Zeit, in der du eigentlich frei hast.
  • Ich kann ziemlich viel und habe an unglaublich vielen Dingen Interesse. Genau das war immer mein Problem. So ziemlich alles, was ich anpacke, gelingt mir. Kennst du das? Daher versteht auch keiner, wieso du unzufrieden mit deinem jetzigen Beruf bist. Schließlich läuft es doch prima und dein Umfeld findet dich gut und arbeitet gern mit dir. Habe ich deshalb kein Recht dazu, unzufrieden zu sein? Mich zu verändern, wenn der Schuh nicht (mehr) passt?

Bin ich dann irgendwie unnormal?

Einen gut bezahlten, sicheren und hart erarbeiteten Job an den Nagel zu hängen?

Ich finde es ehrlich gesagt nicht normal, sich jahrzehntelang durch etwas zu quälen, was mir nicht nur keine Freude bringt, sondern mich auch noch quält. Das ist schließlich meine Lebenszeit, die ich damit vergeude oder verkaufe oder wie du es auch nennen magst…

Mir ist bewußt, dass ich in diesen Beruf viel Ehrgeiz, viel Geld und viel Lebenszeit investiert habe und es frustriert mich, dass ich diesen Weg nun nicht weitergehen kann und werde. Aber ich bin mir selbst zu lieb, mich dafür aufzuopfern. Lieber investiere ich meine Zeit und Kraft in einen neuen Weg in der Hoffnung, dass ich dadurch einem zufriedenerem Arbeitsleben näher komme.

Denn ich arbeite gern, ich lerne gern und ich tue gern sinnvolle Dinge in meiner Zeit.

Drückt mir die Daumen für das Auswahlverfahren.

Herzlichst

Lehrtrauma

Traumjob Lehrer, oder?

Sieben Fakten aus der Realität

Die meisten Leute meinen, dass man genau weiß, auf was man sich einlässt, wenn man Lehrer wird. Schließlich hat jeder die eigene Schülerkarriere durchlaufen und viele haben durch die eigenen Kinder Kontakt zu unterschiedlichen Schulformen.

Jeder hat eine Meinung dazu und die meisten kann man folgendermaßen zusammenfassen:

Als Lehrer weißt du, dass deine Schüler nicht gern in die Schule gehen. Du musst sie motivieren und wenn du ein guter Lehrer bist, dann halten sie zu dir und es läuft. Wenn das nicht klappt, ist das eben deine Unfähigkeit. Als Lehrer hast du viel Macht, weil du Noten vergibst. Du hast viele unterrichtsfreie Tage, an denen du frei machen kannst oder von woanders arbeiten kannst. Du hast viel Sicherheit, denn du kannst nicht einfach entlassen werden und du wirst immer gleich gut versorgt, auch wenn du länger einmal krank bist oder deine Arbeit schlechter machst. Du unterrichtest immer dasselbe, daher musst du nur in den ersten Jahren deinen Unterricht vorbereiten, danach gehst du einfach in die Klasse und alles läuft. Es kann dir egal sein, was andere denken, denn du beziehst deine Besoldung unabhängig von der Bewertung deiner Arbeit, sobald du auf Lebenszeit verbeamtet bist. In deiner Klasse und bei deiner Unterrichtsvorbereitung bist du dein eigener Chef. Du hast eine Vollzeitstelle, musst aber nur 24,5 oder 28 Stunden in der Woche unterrichten. Das klingt doch gut, oder?

Bestimmt kommen dir diese Gedanken bekannt vor, da du sie von anderen gehört oder gelesen hast oder weil du sie vielleicht selbst schon einmal gedacht hast. Was wirklich dahinter steckt, weißt du nur, wenn du selbst längere Zeit auf der anderen Seite des Klassenzimmers gestanden hast. Interessant ist auch, dass die meisten Menschen, die dir diese Vorteile vorhalten, sobald du ans aussteigen denkst, niemals selbst Lehrer werden würden… („Da bin ich einfach nicht der Typ für.“).

Tja, was ist man denn für ein Typ, wenn man ein Lehrertyp ist?

Das habe ich mich schon im Studium oft gefragt. Und all die oben genannten Gedanken konnte ich bereits während des Studiums in meinen Praxisphasen und spätestens im Referendariat hinterfragen. Ich habe trotzdem weitergemacht, weil ich grundsätzlich eine gute Beziehung zu SchülerInnen habe, weil meine Leistungen immer als gut bis sehr gut gelobt wurden, weil ich mir eine solide und sichere Berufskarriere aufbauen wollte und weil ich selbstbestimmtes Arbeiten mit viel Abwechslung mag.

Aber:

  1. Fakt: Das Schulleben ist ein von Konflikten geprägtes Arbeitsumfeld. Jeden Tag erlebst du Unstimmigkeiten, Streit und Konflikte. Manche können kurzfristig gelöst werden, manche langfristig und manche überhaupt nicht. Dieses Konfliktpotential ist Teil aller Kommunikationsebenen im Lehrerberuf, d.h. es liegt in der Schüler-Schüler-Kommunikation, in der Schüler-Lehrer-Kommunikation, in der Lehrer-Eltern-Kommunikation, in der Lehrer-Lehrer-Kommunikation, in der Schulleitung-Lehrer-Kommunikation und in der Bezirksregierung-Schulleiter-Kommunikation etc. Du erlebst also keinen Tag ohne Konflikte, selbst wenn du eine nette Klasse hast, selbst wenn du ein nettes Kollegium hast, selbst wenn du eine fürsorgliche Schulleitung hast. Das kostet Energie!
  2. Fakt: Erziehungsarbeit ist dein Hauptgeschäft, alles andere kommt danach. Läuft der Unterricht nicht, ist es nicht unbedingt deine Schuld und dann kannst auch nicht immer etwas daran ändern, aber du trägst immer die Konsequenzen und die Verantwortung, jedenfalls aus Sicht aller anderen. Auch das kostet Energie!
  3. Fakt: Die Benotung gehört als Bewertungsinstrument der Leistung zum Schulalltag und fällt wenigen Lehren leicht. Die meisten machen sich sehr viel Mühe und Gedanken um eine faire und transparente Benotung herzustellen, die eine Rückmeldung über das gezeigte Leistungsniveau in einem bestimmten Zeitabschnitt darstellt und kein Machtinstrument ist. Dies zu vermitteln kostet auch Energie!
  4. Fakt: Viele Termine fallen regelmäßig in die unterrichtsfreie Zeit, z.B. Konferenzen, Dienstbesprechungen, Fortbildungen, Gesprächstermine, Vorbereitungszeiten. In den gesetzlichen Sommerferien ist es tatsächlich für mich persönlich so, dass ich 3 bis 4 Wochen nicht an Schule denke und Urlaub mache, aber in der gesamten anderen Zeit, arbeite ich. In manchen Wochen EXTREM viel und lang und in manchen Wochen etwas entspannter. Die durchschnittliche Arbeitszeit verteilt sich ähnlich wie in anderen Berufsfeldern. So kann man dann auch den tatsächlichen Urlaub ähnlich wie 21-30 Urlaubstage in anderen Berufen sehen. Ein wichtiger Punkt ist allerdings die Präsenszeit in der Schule. Je nach Stundenplan hechte ich durch den Schultag von Stunde zu Stunde ohne Toiletten- oder Frühstückspause. An vielen Tagen habe ich trotz Ganztagsschulsystem keine Mittagspause (Aufsicht, Besprechungen, spontane Eltern- oder Schülerbelange), habe zusätzliche Konferenzen und werde häufig in Springerstanden zu Vertretungsunterricht eingeteilt. Wenn ich nach solchen Tagen nach Hause komme, bin ich völlig erledigt. Dann versorge ich meine Kinder und abends bereite ich weiter Unterricht vor oder korrigiere und am nächsten Tag geht ein ähnliches Spektakel los. Auch das kostet sehr viel Energie!
  5. Fakt: Eine leistungsunabhängige Bezahlung führt zu vermeintlicher Sicherheit, aber auch zu Frust. Es ist tatsächlich egal, wie sehr ich mich anstrenge oder wie gut mein Unterricht ist. Es führt im Schulalltag höchstens dazu, dass solchen Lehrkräften viele Extra-Aufgaben aufgetragen werden, da diese sich so leistungsbereit zeigen. Es erhöht vielleicht auch die Aufstiegschancen hinsichtlich möglicher Beförderungsämter, allerdings sind die Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Schulsystems zäh und z.T. intransparent (Hierzu wird sicher noch ein ganz eigener Eintrag folgen).
  6. Fakt: Ich habe wirklich oft das Gefühl, dass ich nie fertig bin mit meiner Arbeit. Ich plane sehr effizient und distanziere mich vom eigenen Perfektionismus, da ich mich schließlich auch noch um meine Kinder kümmern muss. Trotzdem unterstützt das System Schule einen Opfertypus Lehrer, der sich verausgabt für seine Vorbereitung, sich übermäßig mit Kollegen bespricht und vorbildliche über die Maßen hinaus engagierte Fachschaftsarbeit leistet. Statt sinnvolle Zeitfenster für Dienstbesprechungen und Konferenztermine innerhalb des Schulalltages zu schaffen, erlebe ich momentan, wie jede unterrichtsfreie Minute für zusätzliche Besprechungen und verpflichtende Schultermine auf Kosten der Gesundheit des Kollegiums gefordert wird. Teilzeitkräfte kommen hier noch schlechter weg, denn diese Termine lassen sich nur bedingt und in permanenter Absprache mit der Schulleitung kürzen. (Das bedeutet, dass eine verbeamtete Lehrkraft, die z.B. aus familienpolitischen Gründen eine Teilzeitstelle hat, bei jeder Veranstaltung die Erlaubnis der Schulleitung einholen muss, an einem bestimmten Termin früher zu gehen oder fern zu bleiben. Eine sehr undankbare Situation.) Manche Schulen haben ein Teilzeitmodell erarbeitet, dass hier mehr Klarheit und Entspannung bringt.
  7. Fakt: Einmal erstelltes Material lässt sich eher selten direkt noch einmal verwenden. Es sind mindestens die notwendigsten Anpassungen vorzunehmen und man unterschätzt als Außenstehender auch, wie schnell das Material vielleicht schon wieder out of date ist. Oft ist es so, dass ich vielleicht eine bestimmte Klassenstufe erst in 5 Jahren wieder unterrichte. Bis dahin ist mein Material u.U. veraltet oder wir haben ein neues Lehrwerk zu dem es nicht mehr passt… Hinzu kommen Fächer, die ich fachfremd unterrichte. Hier muss ich mich in ein komplett neues Fach einarbeiten!

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass ich, um die Arbeitszeit, die durch Konferenzen und zusätzliche Gesprächstermine gefordert wird, woanders einzusparen, nur an der Unterrichtsvorbereitung einsparen kann. Das wiederum führt dazu, dass das eigentliche Unterrichten neben der Erziehungsaufgabe total in den Hintergrund rückt. Mein Alltag wird durch (sinnlose zusätzliche) Konferenzen bestimmt, die meist keine nachhaltigen Absprachen und Zielvereinbarungen zum Ergebnis haben, und die Erziehungs- und Beratungsarbeit mit den Kindern und Eltern kommt hinzu. Eine sehr frustrierende Erkenntnis, da ich für diese Masse an Terminen und Beratungsanlässen neben der Unterrichtsverpflichtung aber keine Zeit habe bzw. eingeräumt bekomme. Und das ist nicht mein persönliches Problem, sondern betrifft tatsächlich das gesamte Kollegium meiner Schule. Viele KollegInnen (er-)tragen diese Situation schon für viele Jahre, bis sie in der Dienstunfähigkeit landen oder resigniert in eine Teilzeit gehen, sofern sie es sich leisten können.

Mangelnde Ausstattung führt zu niedriger Wertschätzung

Eine sehr wichtige Erkenntnis der letzten Wochen war für mich, dass ein dauerhafter Mangel bezüglich der Schulausstattung gepaart mit den anderen Dienstanforderungen auch dazu führt, dass ich mich in meinem Beruf nicht wertgeschätzt fühle. Das betrifft die Ausstattung des Klassenraums, das verfügbare Material, die Situation im Lehrerzimmer und den eigenen Arbeitsplatz. Hier treffen die Anforderungen, die moderner Unterricht und ein professionelles Berufsbild an die Lehrkraft stellen auf die Realität.

Ich fühle mich nicht wohl in einem Raum mit blanken Wänden und zerstörten Möbeln. Wie kann ich von meinen Schülern erwarten, dass sie es tun?

Ich soll meine Arbeit vor- und nachbereiten, habe aber in der Schule keinen Arbeitsplatz, nicht mal einen vollwertigen Sitzplatz im Lehrerzimmer trotz Vollzeitstelle!

Um Elterntelefonate zu führen muss ich in den Flur der Toilettenanlage flüchten, weil es im Lehrerzimmer zu laut und zu eng ist.

Das sind Zustände, die nicht dauerhaft zu ertragen sind. Das System Schule bietet hier aber keine Aussicht auf baldige Besserung, wenn nicht einzelne Lehrkräfte persönliche Ressourcen nutzen, um hier Abhilfe zu schaffen.

Aus (m)einem Traumberuf ist für mich über die Jahre ein Albtraumberuf geworden. Ich fühle mich verheizt und nicht ernstgenommen in meinem Bedürfnis nach einer ausgeglicheneren work-life-balance, nicht wertgeschätzt im Berufsalltag und schüttele den Kopf bei KollegInnen, die dieses System weiter mittragen. Mein Resümee ist der Ausstieg.

Meine Energie soll in den Aufbau einer Ausstiegsstrategie und meiner beruflichen Chancen außerhalb des Lehramts fließen.

Begleite mich dabei hier auf dem Blog, herzlichst

dein Lehrtrauma

Der erste Eintrag

Raus aus dem Lehrerchaos

Be yourself; Everyone else is already taken.

— Oscar Wilde.

Die Herbstferien sind in NRW vorbei und nach einer knappen Schulwoche (inkl. Feiertag) hat mich der Schulfrust wieder. Der unglaubliche Lärmpegel, die ersten ineffizienten (und sinnfreien) Konferenzen und zunehmend gehetzte KollegInnen bestimmen den Alltag. Das soll nun bald nicht mehr so sein!

Das Zitat von Oscar Wilde hat mir wordpress vorgeschlagen und ich finde es eigentlich ganz passend. Schließlich habe ich beschlossen, endgültig aus dem Lehrerdasein auszusteigen und will endlich Verantwortung für mich selbst übernehmen!

Nämlich nicht, indem ich mich beruflich verheize in einem System, das ich nicht mittragen will, sondern indem ich auf meine innere Stimme, meine Gesundheit und meinen gesunden Menschenverstand höre, die sich schon seit Jahren bemerkbar machen wollen, da ich offensichtlich den falschen Weg eingeschlagen habe…Es wird Zeit, endlich ich selbst zu sein.

Wenn du ähnlich denkst (und schließlich liest du gerade mit, deshalb geht es dir vielleicht so wie mir), dann weißt du, dass dies kein leichter Schritt ist, weder persönlich, noch finanziell. Vor allem dann, wenn du eine Familie ernährst.

Deshalb dient dieser Blog u.a. dazu, neben meiner ganz persönlichen Reise Wege aus dem Lehrerberuf zu zeichnen. Denn ich will und kann nicht daran glauben, dass ich mit Ende 30 in einer Laufbahn festhänge, die mich unglücklich macht, mit dem einzigen Ausweg der Frühpensionierung bzw. Dienstunfähigkeit. Das ich da mal landen würde, wenn ich nichts ändere, steht für mich fest.

Wie ich diesen Weg nun gehe, was meine strategischen und notwendigen Schritte hinaus sind, und wie ich mit Kolleginnen, Schulleitung und Klassen umgehe, bis ich die Schultür für immer hinter mit verschließe, dass möchte ich hier mit dir teilen.

Du hast bestimmt genauso viele Fragen wie ich! Folge meinem Blog und meinen Posts, dann wird sich Vieles klären…

Bis dahin und herzlichst

Lehrtrauma